Johann Hinrich Wichern

Johann Hinrich Wichern



Johann Hinrich Wichern wurde am 21.04.1808 in Hamburg geboren.

1832 besteht er sein theologisches Examen und wird im gleichen Jahr Mitglied im »Männlichen Besuchsverein«, der eine ganzheitliche Stadtmissionsarbeit entwickeln will.
Die sozialen Nöte explodieren zu dieser Zeit in der großen Hafenstadt. Zahlen-
mäßig gehört inzwischen die Hälfte der Gemeinde zum hungernden Proleta-
riat. Besonders die Kinder sind vor Verarmung, Verwahrlosung und Tod bedroht. Das missionarisch-diakonische Handeln wird für Wichern zum Mittelpunkt seines Lebens. Am 25. Februar 1833 hält er vor über tausend Hörern eine mitreißende Rede. Er ruft auf zur Gründung einer »Anstalt zur Rettung für verwahrloste Kinder« und bittet um Geld und Hilfsgüter.
Im September stellt Wichern sein Konzept und das Modell im überfüllten Auktionssaal der Börsenhalle vor und findet in herausragenden Persönlich-
keiten aus dem Hamburger Bürgertum große Unterstützung. Bereits im Oktober 1833 beginnt er mit der Arbeit am »Rauhen Haus« in Hamburg und betreut im Frühjahr 1834 schon 14 Jungen aus bedrückenden Verhältnissen. Das »Rauhe Haus« ist die Urzelle des bekannten Rettungshauses, das weit über Deutschland bekannt ist und dessen Vorsteher Johann Hinrich Wichern bis zum Ende seines Lebens war. 1850 stehen bereits dreizehn Häuser auf dem Gelände.

»... sind Liebe und Vergebung statt Strafe und Ablehnung das erklärte Erziehungsziel Wicherns, wenn er seine neuen Schutzbefohlenen willkommen heißt: ›Mein Kind, dir ist alles vergeben! Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst; diese heißt Liebe, und ihr Maß ist Geduld.‹«*
»... werden später in jedem Haus drei bis vier solcher Familien mit je höchstens zwölf Kindern wohnen. Der Vorsteher des Werkes selbst, in dessen Wohnung die Kranken gepflegt und die neuen Kinder zur Aufnahme vorbe-
reitet werden, entscheidet über den angemessenen Platz.«**

Johann Hinrich Wichern reist als Redner und Publizist durch Deutschland und stellt das Modell des Rettungshauses vor. Die sozialen Missstände nehmen zu. Kinderarbeit, 14-Stundentag, Prostitution, Verwahrlosung gehören in der Zeit der ersten industriellen Revolution zu den sich ebenfalls entwickelnden sozialen Brüchen. Auf dem historischen Kirchentag 1848 in Wittenberg hält Wichern eine bis heute überlieferte flammende Rede für die Integration der diakonischen Inneren Mission in die offizielle Kirche. Danach wird der »Aus-
schuß für die Innere Mission gegründet« und es entstehen die ersten Vereine für Innere Mission in Deutschland.
Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., ruft den Theologen und Vorsteher des Rauhen Hauses 1857 nach Berlin ins Innenministerium und Konsistorium und überträgt ihm die Aufgabe, das Gefängniswesen zu reformieren. 1858 betreibt Wichern das Entstehen des Johannisstifts in Berlin, ein Bruderhaus, dessen Aufgabe die Jugenderziehung und die Arbeit mit den Familien von Strafgefangenen und den Entlassenen dient. Getreu seinem Leben als Menschenfischer hält Johann Hinrich Wichern 1871 in Berlin seine letzte große Rede »Die Mitarbeit der evangelischen Kirche an den sozialen Fragen der Gegenwart«. Ab 1872 übernimmt er wieder die direkte Leitung des Rettungshauses in Hamburg. Sein Lebensabend ist am 7. April 1881.

»Der Pietist mit der fröhlichen, weltoffenen Seele.« So nannte der Sozial-
politiker Friedrich Naumann (1860 - 1919) den Bahnbrecher der Inneren Mission. Doch es war nicht so sehr seine schwärmerische Frömmigkeit und auch nicht die Leichtigkeit, sondern sein tiefer Glaube und das Erkennen einer Aufgabe, einer Vision, der er Zeit seines Lebens all sein Wissen und seine Kraft gewidmet hat. Er hat die offizielle Kirche geöffnet für ihre Aufgabe, das soziale Elend nicht nur zu sehen, sondern auch zu Handeln – ein ihr immanentes diakonisches Ziel.

* aus: Johann Hinrich Wichern, Hans Steinhacker, hännsler-Taschenbuch 1998
** ebenda
Quelle ebenda